Feuilleton: Pest, Cholera und “Geistesschärfe”

♦ vertont ♦

Geistesschärfe

oder

Zur Gesellschafts-Pest die Naturwissenschafts-Cholera

Dr. Frank Kretzschmar

Spätestens seit VERBEET im SPIEGEL 4/24.1.11 S.32 ff dem deutschen Pisa-Chef Prof. Dr. PRENZEL mit einer säuselnd-säuernden Soft-Befragung, politisch korrekt bis ins tiefrote Mark, um den Bart ging, sollte man Interviews zu gesellschaftswissenschaftlichen Thema meiden, wie der Teufel das Weihwasser: SPIEGEL: „Können Sie wenigstens das Vorurteil bestätigen, dass früher alles besser war und die Schüler schlauer?“ Damit Münchhausen auch ja nicht von der Kanonenkugel rutscht, legt ihm Verbeet das VORURTEIL also gleich in den Mund. Prenzels Antwort ist danach: „Die deutschen Schüler waren allenfalls mittelmäßig.“ Diesem Mittelmaß geschuldet, Deutsch war Wissenschafts-Weltsprache, heimste das Deutsche Reich zwischen 1901 und 1919 achtzehn Naturwissenschafts-Nobelpreise ein.

Mehr als USA, Großbritannien und Frankreich zusammen. Und genau diesem Mittelmaß verdanken die Amis ihren wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Ließen sie doch in der Aktion PAPERCLIP 346.000 Patente, 20.870 Warenzeichen, ungezählte Skizzen, Entwürfe und Blaupausen, 50.000 chemische und Farbformeln sowie 523 deutsche Wissenschaftler mitgehen. Von Agfa-Color bis Zuse-Z3 Computer – alles nur geklaut.

Ebenfalls von echtem SPIEGEL-Schrot und Korn die Interviewer-Persönlichkeit Wensierski, die dem EKD-Ratsvorsitzenden SCHNEIDER in 46/15.11.10 S.32, anstatt zu fragen, ob der noch alle Glocken am Turm hat, unwidersprochen die Unsäglichkeit durchgehen ließ: „Und der Religionsunterricht dient der Gesellschaft insgesamt. Darum bin ich auch der Meinung, dass wir einen akademisch gelehrten Islam in unserem Land brauchen, der sprachfähig ist an unseren Universitäten, damit wir auch in der Integrationsfrage weiterkommen.

Auch naturwissenschaftlich sollte der geneigte Leser eigentlich gewarnt sein. Schließlich war sich SPIEGEL am 01.04.2000, es handelt sich um keinen Aprilscherz, nicht zu schade, die Verstiegenheit des Kaffeesatzleser vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, Mojib LATIF, nachzuplappern: „Winter mit starkem Frost und viel Schnee wie noch vor zwanzig Jahren wird es in unseren Breiten nicht mehr geben.“ Gleichwohl dem Leser der Arsch auf Starkfrost Grundeis gehen sollte, warf dieser oder jener vielleicht doch einen Blick in: SPIEGEL 7/13.2.12 S.110 ff: DAS ICH IST EIN MÄRCHEN, Romain Leick interviewt den amerikanischen Neuronen Wissenschaftler David EAGELMAN.

SPIEGEL: „Ihr erstes neuro-wissenschaftliches Experiment machten sie mit acht Jahren, als Sie beim Spielen vom Dach eines Rohbaus fielen.“ Eagelman: „Ich machte eine Bauchlandung auf einem Haufen Ziegel. Aber was mich faszinierte, war das Zeitgefühl.“ SPIEGEL: „Der Sturz kam Ihnen wie eine kleine Ewigkeit vor?“ Eagelman: „Wie in Zeitlupe. Es war ein Moment absoluter Ruhe und einer geradezu unheimlichen Geistesschärfe.Geistesschärfe? Die stellt Eagelman bereits ein paar läppische Fragen weiter schlagend unter Beweis.

SPIEGEL: „Die Intensität des Erlebnisses, die Emotion streckt die Zeit?“ Eagelman: „Wenn Sie etwas kommen sehen, einen Autounfall zum Beispiel, haben sie das Gefühl, dass alles sehr lange dauert. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, erlebt man es als blitzartigen Moment.“ Alles klar, Geistes-Adler: Ihr Sturz vom Rohbaudach war kein Unfall sondern wurde im Dienste der Wissenschaft, versteht sich, sehenden Auges vollzogen. Wie sonst konnte er zur Ewigkeit werden SPIEGEL-Leick, soeben gerüffelt, die falsche Frage zu stellen, hat den Humbug entweder nicht geschnallt oder ist zu feige nachzufassen. Dem Leser, dieser Schnarch-Nase, wird´s schon nicht aufstoßen.

Doch es kommt noch besser. Die Botschaft das ICH-Märchenerzählers lautet nämlich: „So sehr wir uns die WILLENSFREIHEIT wünschen mögen, haben wir nach dem jetzigen Stand der Erkenntnis keine Möglichkeit, ihre Existenz überzeugend nachzuweisen.“ Und, auf den Punkt: „Wenn wir diese Frage nicht klären können, sollten wir sie bei der Entscheidung über Schuld und Unschuld lieber gar nicht heranziehen. Wir sollten stattdessen immer davon ausgehen, dass Kriminelle nicht anders handeln konnten, als sie gehandelt haben.

Um den Beweis ist Eagelman selbstredend nicht verlegen: „Wir zeigen den Probanden zum Beispiel ein leckeres Dessert, um sein Verlangen nach Süßem anzustacheln. Das Ergebnis lässt sich in Form eines nach oben schnellenden Balkens auf dem Bildschirm sichtbar machen. Dann soll die Versuchsperson ihren Appetit zügeln, der Balken geht nach unten. Das langfristige Denken,“ man fasst es nicht, „hat sich gegen den momentanen Impuls durchgesetzt.“ Aber immer doch. Weil die willensstarken Naschkatzen ihr Leckerli-Gelüst unter Kontrolle kriegten, hat der Kaufhallendieb keine Wahl: er muss den Kröver Nacktarsch stibitzen.

Sie aber Eagelmännchen, springen am besten nochmal vom Rohbaudach. Vielleich ereilt Sie ja ein neuerliches Geistesschärfe-Erlebnis der unheimlichen Art und alles renkt sich wieder ein. Interviewer Leick sollte hinterher springen. Die übrigen SPIEGEL-Schreiberlinge, jeder Erbärmlichkeit, bloß nicht ehrlichem, anständigen, investigativen Journalismus verpflichtet, gleich mit.

Siehe dazu auch:

Immer mehr Schüler ohne Schulabschluss

Nordrhein-Westfalen führt Islamunterricht ein

SPD plant an den Schulen eine „islamfreundliche Unterrichtsgestaltung“

Feuilleton: Klimaretter

Kolumne – Der Bildungsausstieg

Glosse: Freiheit den Kopfbedeckungen!

1 Kommentar von "Feuilleton: Pest, Cholera und “Geistesschärfe”"

  1. Kersti's Gravatar Kersti
    24. Februar 2012 - 15:02 | Permalink

    Dieser Tage habe ich gelesen, dass PC kultureller Marxismus ist. Nachdem der ökonomische des Ostblocks gescheitert war, begann man im Westen wenigstens den kulturellen zu installieren.
    Nachzulesen hier:

    http://www.in-kuerze.de/veroeffentlichungen/64-die-geschichte-der-politischen-korrektheit

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