Der Tageskommentar – Kolumne von Michael Winkler
Der einhellige Dank der CDU und der FDP in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gilt der Tokyo Electric Power Company, deren unfähiges Management, deren schlecht gebaute und schlecht gewartete Reaktoren ihnen den Wahlkampf verhagelt haben. Nur dank der ständigen Kritik an den Fernreisen der Bundeskanzlerin hat sich diese als Vorbild an Sparsamkeit bei ihrer Energiereise im August 2010 darauf beschränkt, inländische Kraftwerke und inländische Windräder zu besichtigen, anstatt das Übel an der Wurzel zu betrachten und die Atomkraftwerke auf der ganzen Welt abzuklappern. Eine Expertin für Marxismus-Leninismus hätte die Schwachstellen der TEPCO-Kraftwerke natürlich auf den ersten Blick erkannt und als entscheidungsfreudige Führungskraft sofort die Manager und Kraftwerksingenieure ausgetauscht. Da dies aus kleinlichen Sparzwängen nicht erfolgt ist, mußten erst die neuen Kanzler-Airbusse vom Munde der Hartz-IV-Empfänger abgespart werden.
Die Grünen sehen das natürlich ganz anders. Ihre großartigen Wahlerfolge führen sie auf ihr überzeugendes Programm zurück, grundsätzlich immer dagegen zu sein, und ihre überragende Wahltaktik, Cem Özdemir vor den Wahlen erfolgreich zu verstecken. Zwar haben es die Grünen in Baden-Württemberg versäumt, weiterhin gegen den ungeliebten Bahnhof aufzutreten, dafür haben sie in Japan eine Tsunami der Sympathie ausgelöst, die jedem Wähler eindrucksvoll vorgeführt hat, daß es dort, wo die Grünen dagegen sind, durchaus zu Katastrophen kommen kann.
Ich bin mit dem Wahlergebnis weitgehend zufrieden, ich hätte es allerdings besser gefunden, wenn die FDP auch in Baden-Württemberg aus dem Landtag geflogen wäre. Die Partei ist mir seit 36 Jahren unsympathisch, das verbindet nun mal. Die früheren Strategien der FDP, “Wir bremsen” und “Wir sind der Schwanz, der mit dem Hund wedelt”, versagen ja doch in einer Merkel-Regierung. Wo sich schon von ganz allein nichts bewegt, sind Bremser vollkommen überflüssig. Und wenn der Hund zu träge ist, bräuchte es den Schwanz eines riesigen Dinosauriers, um ihn zu bewegen. Das haben sich die Leute in Rheinland-Pfalz gesagt und in Brüderles Landesverband den Wurmfortsatz unter den Sozialistischen Einheitsparteien Deutschlands entfernt.
In Baden-Württemberg stellen die Grünen 36 Abgeordnete und die SPD 35, damit ist die einstige Ausgründung der Unzufriedenen stärker als die altersschwache Mutter und dürfte den Ministerpräsidenten stellen. Die CDU hat 60 Sitze errungen und die FDP leider immer noch 7. Für Sie, liebe Leser, ist das natürlich positiv, der nächste Pranger ist damit garantiert, andernfalls wäre er womöglich wegen zu viel Restalkohol des Autors ausgefallen. Für Merkel steht jetzt ein schwäbischer Hausmann bereit, der das Finanzministerium übernehmen kann. Schäuble, der Methusalem im Kabinett, ist sowieso reif für die Rente. Da kann er sich erholen und mit Helmut Kohl Rollstuhlrundfahrten unternehmen. Merkel hat jetzt in einem weiteren Punkt mit Helmut Kohl gleichgezogen, sie hat ein Stammland der CDU verloren.
In Rheinland-Pfalz gab es einmal einen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel. Der hat das Amt von Helmut Kohl geerbt, als dieser sich zu Höherem berufen fühlte. Dann meinte die CDU, den alten Mann ersetzen zu müssen, durch einen Älteren, namens Carl-Ludwig Wagner. Bei der nächsten Wahl änderte der Ministerpräsident seinen Namen, seine Partei und sein Aussehen, Rudolf Scharping regierte, bis er sich zu Höherem berufen fühlte. Seither sitzt dort Kurt Beck fest im Sattel, und würde er sich mal waschen und rasieren, würde er vielleicht auch zu Höherem berufen. Stefan Mappus gelangte ins Amt, weil Merkel glaubte, einen Rivalen aus dem Weg räumen zu müssen. Jetzt ist Mappus weg und Baden-Württemberg auch. Nicht gewählte Ministerpräsidenten haben wir noch in Niedersachsen (der gewählte wurde Bundesgrüßaugust), in Thüringen (der gewählte Skipistenraser hat den Bettel gleich nach der Wahl hingeworfen, weil die Wahl nicht gut genug ausgegangen ist), in Hessen (der gewählte geht inzwischen richtig Geld verdienen) und in Bayern (da wurde der gewählte gemeuchelt, weil er 47 Jahre absolute CSU-Mehrheit vergeigt hatte).
Merkel kann sich jetzt aus dem abgesetzten Kabinett von Stuttgart bedienen, wenn sie den einen oder anderen Minister auswechseln möchte. Andererseits hat sie ein Problem – dasselbe wie Westerwelle. Parteivorsitzende müssen dafür sorgen, daß es mehr Dienstwagen gibt, die unter den Funktionären verteilt werden können. Merkel und Westerwelle schaffen es jedoch, daß die Funktionäre ihre Dienstwagen abgeben müssen. Das ist auf Dauer gar nicht gut, denn das führt dazu, daß Parteivorsitzende schließlich ihren Namen und ihr Aussehen wechseln. An der Börse wird zum Ausstieg nicht geklingelt, in der Politik schon. Weg mit Merkel – das verkünden ab heute alle Kirchenglocken im Land. Dafür danke ich allen Mitwirkenden herzlich.
Siehe dazu auch:
Fürchterlich! Weiterer Linksruck durch Landtagswahlen im Südwesten der Republik











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